WAS IST NEURODIDAKTIK?
Die Debatte darüber, ob die Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften als Grundlage für eine neuartige Pädagogik dienen sollen, ist im Gang und hat noch keine Auswirkung in der Praxis gefunden.
Einerseits übt das Gehirn eine ungeheure Faszination auf Pädagogen aus, andererseits ist es für Lehrende schwer, allgemeine Prinzipien und Erkenntnisse im Unterrichtsalltag zu implementieren. Die Disziplin, die als Bindeglied zwischen Neurowissenschaften und Fachdidaktik dienen sollte, ist die so genannte Neurodidaktik. Leider gibt es weltweit noch kaum Universitäten und Forschungszentren, die sich dieser Aufgabe mit dem notwendigen Aufwand widmen.
Hierfür gibt es mehrfache Gründe. Im Wesentlichen jedoch können Pädagogen und Neurowissenschaftler derzeit nicht am gleichen Strang ziehen. Dies geschieht nicht aus mangelndem Willen: Vielmehr ist es eine Konsequenz unseres Bildungssystems. Pädagogen fehlt ausreichendes Wissen über das Gehirn bzw. die Methodenkenntnis, um Denk- und Lernprozesse empirisch zu untersuchen. Auf der anderen Seite haben Neurowissenschaftler kaum Kenntnisse über didaktische Ziele und Vorgangsweisen in der Unterrichtspraxis.
Wenn man Pädagogen und Neurowissenschaftler an einen Tisch setzt, gestaltet sich ihre Kommunikation als schwierig: Pädagogen sind an komplexen Fragen der Kognition interessiert, um ihr Handeln danach zu richten. Neurowissenschaftler sind an Methoden gebunden und können Fragestellungen zunächst in einem sehr kleinen Umfang gestalten. Im englischsprachigen Raum stellt sich die Situation besser dar: Dort spricht man von „educational neuroscience“ und bemüht sich das Augenmerk vereinzelt auf „practice of teaching“ zu richten. Dennoch ist der Fortschritt auch da noch nicht wirklich spürbar.
Der Neurodidaktiker muss grundsätzlich zwei Berufe beherrschen: Er muss Pädagoge sein, sein Fach kennen und wissen, was im Unterricht geschieht. Er muss aber auch neurowissenschaftlich arbeiten und Kenntnis darüber haben, wie sich Lernprozesse gestalten und steuern lassen. Die Aufgabe eines Neurodidaktikers ist es, jene Vorgangsweisen, die in einem Unterrichtsfach nicht zum gewünschten Ziel führen, auf ihre "Gehirnkompatibilität" zu untersuchen, gegebenenfalls, auf der Grundlage empirischer Daten, sie als ungeeignet zu erklären. Der Neurodidaktiker hat aber auch die Aufgabe, Aktivitäten - also praktische Vorgangsweisen - zu entwickeln, die nachweislich das Lernverhalten positiv beeinflussen und aus der Sicht des Gehirns sinnvoll sind. Dazu sind experimentelle Paradigmen, statistische Verfahren und neuropsychologische Methoden, wie zum Beispiel Elektroenzephalographie und Magnetresonanztomographie notwendig, die nicht nur kostspielig sind, sondern in ihrer Anwendung ein sehr spezifisches Wissen verlangen.
Mit anderen Worten steckt die Neurodidaktik 2010 noch in den Kinderschuhen, obwohl die Pädagogik sich langsam den Neurowissenschaften nähert und von ihnen bereits profitieren kann.
Dieser Ansicht sind auch berühmte Kognitionswissenschaftler, wie Prof. Dr. Uta Frith (University College London), die in einer Podiumsdiskussion im September 2009 in Kaiserslautern sagte:
„
Ich vertrete die Meinung, dass die Rolle der Hirnforschung überhaupt nicht überschätzt werden kann. Dies betrifft allerdings nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft. Jetzt sind wir noch nicht weit genug, dass diese Rolle sich entfalten kann; wir können gerade ein paar Lichtstrahlen am Horizont feststellen.
Ich denke an den Parallelfall der Medizin, die noch im 19. Jahrhundert wie eine Kunst, aber nicht wie eine Wissenschaft ausgeübt wurde. Es brauchte gewaltige Forschungsfortschritte, z.B. in der Chemie und Physik, durch die dann die Medizin auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt werden konnte. Ich denke, dass heute die Pädagogik in einer ähnlichen Lage ist. Entwicklungs- und Lernpsychologie spielen dabei die Rolle der Physiologie und Anatomie in der Medizin, die zwar unmittelbar nahe am Ziel zu sein scheinen, aber selbst nur dadurch verstanden werden können, dass sie die wachsenden Erkenntnisse der Hirnforschung in sich eingliedern“ (Quelle)
Neurodidaktik wird in der Zukunft gezielt Pädagogen erklären, wie Lernprozesse stattfinden, wie Lehrende sie einleiten und steuern können. Der Einsatz von Methoden und Lernstrategien wird dadurch transparent werden. Es wird auch nachvollziehbar sein, welche Faktoren das Lernen begünstigen, welche Faktoren Lernblockaden bewirken und wie ihnen entgegen zu wirken ist.
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